Wirtschaftsverband Chemie Pharma Life Sciences

"Mut und Unternehmergeist stärken unser Gesundheitssystem"

Der öffentliche Diskurs zu kostensenkenden Massnahmen im Gesundheitswesen flammt in Zeiten der Corona-Pandemie wieder neu auf. scienceindustries konnte mit Etienne Jornod, Ehrenpräsident von Galenica und Vifor Pharma über die Faktoren für ein erfolgreiches Gesundheitssystem sprechen.

19.06.2020

Herr Jornod, was braucht es für ein Unternehmen, das im Gesundheitsmarkt tätig ist, damit es Erfolg hat?

Wie für jedes Unternehmen: es braucht eine klare Strategie, die langfristig ausgerichtet ist. Kurzfristiges Erfolgsdenken bringt keine nachhaltige Entwicklung. Dabei haben wir bei Galenica und Vifor Pharma immer klare Prioritäten gesetzt: Wo sind wir stark, wo sind wir einzigartig, wo gibt es Potenzial – auch Nischen – das wir, aber nicht zwingend andere, ausschöpfen können. Man kann nicht alles machen.

Und wir haben tiefgreifende Veränderungen umgesetzt, wenn die Marktbedingungen dies erforderten. Wir durchleben aktuell wieder eine solche Phase. Die ganze Gesundheitsbranche steht vor grundlegenden Veränderungen, die sich aufgrund der Digitalisierung oder aktuell auch der Corona-Pandemie ergeben. Wer nichts unternimmt, wird nicht mehr lange Erfolg haben. Grundlegend verändern und handeln, das braucht Mut und Unternehmergeist. Und ein kompetentes Führungsteam, welches das Unternehmen mit Respekt und gleichzeitig mit Entschlossenheit durch Transformationen führt.

Die Schweizer Gesundheitswirtschaft ist ebenfalls eine Erfolgsgeschichte. Welche Faktoren waren dafür entscheidend?

Die Schweiz hat eines der besten Gesundheitssysteme der Welt. Dazu tragen viele Akteure bei. Zum einen unsere Schweizer Pharmaunternehmen, teilweise gegründet von Wissenschaftlern, die Pionierarbeit geleistet haben. Oder unsere Hochschulen, die weltweit einen erstklassigen Ruf geniessen und Nachwuchskräfte ausbilden und fördern. Dann unser dichtes Netz an Versorgungs-Dienstleistern wie Apotheken, Ärzte, Spitäler und weitere Organisationen, aber auch die hohe Verfügbarkeit von Medikamenten, welche Pharma-Logistiker schweizweit sicherstellen. Mit rund einer halben Million Arbeitnehmenden ist der Gesundheitssektor der grösste Arbeitgeber in der Schweiz. Darunter auch viele ausländische Fachkräfte, auf die wir angewiesen sind. Wir müssen diesem System Sorge tragen, damit auch in Zukunft eine qualitativ hochstehende medizinische Versorgung der Schweizer Bevölkerung sichergestellt ist.

Wie beurteilen Sie die vom Parlament aktuell diskutierte Einführung diverser kostensenkender Massnahmen, wie etwa der Einführung eines Referenzpreismodells für patentabgelaufene Arzneimittel und Generika?

Aufgrund von Preisdruck haben Pharmafirmen die Produktion von vielen Wirkstoffen in Billigproduktionsländer auslagern müssen, was bereits in den letzten Jahren immer wieder zu kritischen  Medikamenten-Engpässen geführt hat. Im Rahmen der Corona-Pandemie war die Situation dann bei gewissen Wirkstoffen gravierend. Zusätzlicher Druck auf die Medikamentenpreise wird diese Situation weiter verschärfen. Die Mengen für den Schweizer Markt sind viel zu klein, die Generikapreise in der Schweiz sind für die Hersteller bereits heute zu tief und die regulatorischen Rahmenbedingungen in der Schweiz verschlechtern sich laufend. Je mehr der Staat eingreift, je weniger wird sich der Markt selber regulieren und die Balance von Angebot, Nachfrage und Preis finden.

«  "Grundlegend verändern und handeln, das braucht Mut und Unternehmergeist."  »
Etienne Jornod

Hätte eine Einführung eines solchen Modells auch nachteilige Auswirkungen für die Patienten in unserem Land?

Das Patent ist bei einem Drittel aller in der Schweiz erhältlichen Medikamente abgelaufen und diese könnten somit durch ein Generikum ersetzt werden. Warum gibt es aber keine Alternativen auf dem hiesigen Markt, sehr wohl aber oft im Ausland? Weil der kleine Schweizer Markt betriebswirtschaftlich nicht interessant ist und mit weiteren Regulationen noch unattraktiver wird. Das beeinflusst Angebot und Versorgungssicherheit, nicht nur von ausländischen, sondern auch von Schweizer Unternehmen und damit letztlich der Patienten. Die Pharmalogistik ist aufgrund des Margendrucks je länger je weniger attraktiv. Das Galenica Unternehmen Galexis ist nur erfolgreich, weil es in der Gruppe im Verbund arbeiten kann. Andere Anbieter haben diese Möglichkeiten nicht. Solche Marktveränderungen werden zwangsläufig negative Folgen für Patienten haben, zum Beispiel auch für chronisch Kranke, die immer wieder das Medikament wechseln müssen. Das führt zu Falscheinnahmen und gefährdet die Therapietreue. Die Folgen davon sind gesundheitsgefährdend für die Patienten und kostenintensiv für das System.

Was bedeuten diese Massnahmen für Medikamentenhersteller?

Der Medikamenten-Markt ist extrem reguliert. Die Unternehmen haben keine Wahl, für viele lohnt es sich nicht zu kämpfen und sie verschwinden vom Markt. Viele Grossisten, Apotheken, Generika-Anbieter oder auch Pharmafirmen können im Schweizer Markt kaum noch bestehen. Natürlich spornt eine solche Situation trotzdem auch die Konkurrenz an. Nur: die Gesundheit ist kein Konsumgut wie andere Güter. In anderen Märkten hat der Konsument die Wahl, ob er ein bestimmtes Produkt oder ein Konkurrenzprodukt kaufen oder ob er ganz darauf verzichten will. Bei der Gesundheit ist die Situation ganz anders: Sie haben keine Wahl, ob Sie sich pflegen lassen wollen oder nicht! Und unsere Gesellschaft fordert Solidarität: alle müssen Zugang zum Angebot haben. Entsprechend muss für alle Anbieter ein Qualitäts-Rahmen definiert werden. Eine gute Informationsbasis verbessert die Versorgungsqualität und entsprechend auch die Qualität der Leistungen, inklusive Präventionsmassnahmen. Wenn eine gute Diagnose erstellt wird, können die Länge von Spitalaufenthalten verkürzt oder Nebenwirkungen reduziert werden. Qualität ist ein wichtiger Treiber, um das Wachstum der Gesundheitskosten zu bremsen.

Welches Gesundheitssystem wünschen Sie sich persönlich für die Schweiz?

Wir müssen verhindern, dass regulatorische Massnahmen weiter dazu führen, die Pharmaindustrie zu schwächen und kleine Unternehmen, wie zum Beispiel auch Apotheken, letztlich verschwinden und dabei auch Arbeitsplätze verloren gehen.

In der Summe sind die Gesamtkosten für die Wiederherstellung der Gesundheit eines Patienten massgeblich. Ein bei isolierter Betrachtung zwar teureres oder zusätzliches Medikament oder eine spezifische Zusatzmassnahme können insgesamt die Gesamtkosten für den betreffenden Patienten bedeutend senken. Umgekehrt gilt es mit Blick auf die Medikamente als erwiesen, dass tiefere Preise zu höherem Konsum führen, auch wenn dies aus Gesundheitsgründen nicht notwendig ist, was sogar schädlich und wiederum kostensteigernd sein kann.

Qualität im Gesundheitswesen heisst auch, dass eine Behandlung bei der adäquaten Stelle erfolgt. Wer mit einer Bagatellverletzung in den Notfall geht, verursacht enorme Kosten. Dabei kann ein Apotheker in einem solchen Fall genauso gut erste Hilfe leisten und verweist den Patienten nur an den Arzt, wenn das wirklich nötig ist. Apotheker sind breit aufgestellte Anbieter in der Gesundheitsversorgung mit hervorragenden Kompetenzen.

Das Gesundheitswesen ist einer der wichtigsten Wirtschaftssektoren in der Schweiz mit wertvollen Arbeitsplätzen. Ich wünsche mir ein System, das im Sinne von Patienten und Kostenreduktion langfristig auf Qualität ausgerichtet ist.

Etienne Jornod ist Verwaltungsratspräsident der NZZ Gruppe sowie Ehrenpräsident von Galenica und Vifor Pharma. Er blickt auf eine beeindruckende Karriere in der Gesundheitswirtschaft zurück. Bei Vifor Pharma und der Galenica Gruppe war er massgeblich am Aufbau von zwei sehr erfolgreichen Unternehmen beteiligt, die Patienten innovative Therapielösungen anbieten und gleichzeitig vielen Menschen ein Auskommen sichern.


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