Wirtschaftsverband Chemie Pharma Life Sciences

"Wir müssen unsere Trümpfe in der Hand behalten."

Michael Grass von BAK Economics hat die Innovationsfähigkeit der Schweizer Chemie Pharma und Life Sciences Industrien untersucht. Der Bericht zeigt auf, wo die Stärken und Schwächen heute liegen und was zukünftig nötig ist, damit diese Schweizer Erfolgsgeschichte fortgeschrieben werden kann.

19.09.2020

Herr Grass, welche Rolle spielt Innovation im Wettbewerb?

Im Zeitalter der internationalen Arbeitsteilung und globaler Wertschöpfungsketten gibt es grundsätzlich verschiedene Strategien, im internationalen Wettbewerb erfolgreich zu bestehen. Unternehmen können sich beispielsweise durch einen besonders niedrigen Preis gegenüber der Konkurrenz differenzieren. Aufgrund des hohen Lohn- und Kostenniveaus sind international ausgerichtete Unternehmen in der Schweiz hingegen in besonderem Masse darauf angewiesen, sich durch Qualität und Produktinnovationen einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Für die gesamte Schweizer Industrie sind Innovationskraft und Technologieführerschaft daher zweifellos die kritischen Erfolgsfaktoren.

Welche Faktoren sind für die Innovationsfähigkeit eines Landes wichtig - insbesondere im Bereich Chemie, Pharma und Life Sciences?

Die Verfügbarkeit von hochqualifiziertem Personal ist für diese wissensintensiven Branchen besonders wichtig. Es braucht die besten Fachkräfte und Spitzenforscher, die von den Unternehmen global rekrutiert werden können. Ein einwandfreier Zugang zu den internationalen Arbeitsmärkten ist deshalb zentral. Neben Knowhow braucht es aber auch eine gute Kapitalausstattung, denn die Erforschung und Entwicklung von innovativen Substanzen und Medikamente ist sehr teuer. Die Rahmenbedingungen eines Wirtschaftsstandorts sind ebenfalls sehr wichtig: Neben der schon erwähnten Personenfreizügigkeit gehört hierzu auch der freie Zugang zu den internationalen Märkten, eine forschungs- und innovationsfreundliche Unternehmensbesteuerung, Mindeststandards beim Schutz des Geistigen Eigentums, eine gut ausgebaute Infrastruktur, hervorragende Hochschulen in den entsprechenden Fachbereichen sowie ein hoher allgemeiner Bildungsstandard der Zivilgesellschaft. Auf regionaler Ebene spielt das spezifische Innovationsumfeld des jeweiligen Ecosystems eine Rolle, beispielsweise die Finanzierungsmöglichkeiten von Start-ups oder auf diese ausgerichtete regionale Förderungsorganisationen.

Wo steht die Schweiz heute bei Forschung & Entwicklung in diesen Branchen?

In den scienceindustries ist die Schweiz der fünftgrösste Forschungsstandort der Welt. Das ist aufgrund der Landesgrösse nicht selbstverständlich. Mit mehr als sieben Milliarden Franken stellen die scienceindustries rund 40 Prozent der privaten Forschungs- und Entwicklungsausgaben und investieren je Wertschöpfungsfranken rund viermal mehr in die Forschung und Entwicklung als die weiteren Wirtschaftsbereiche. Jeder achte Arbeitsplatz ist bei den Unternehmen der scienceindustries im Bereich Forschung- und Entwicklung angesiedelt, während in den anderen Branchen auf eine F&E-Stelle rund 30 andere Arbeitsplätze kommen.

Wer sind unsere internationalen Wettbewerber?

Nirgendwo in der Welt wird so viel Geld in die Forschung und Entwicklung neuer -Produkte in Chemie Pharma Life Sciences gesteckt wie in den USA. Die USA sind auch in Bezug auf die Zahl der patentierten Entwicklungen das Mass aller Dinge. Man darf aber hierbei nicht vergessen, dass auch die Schweizer Unternehmen auf deren anderen Seite des Atlantiks stark investieren und zahlreiche Produktentwicklungen in den USA hervorbringen. Mit rund 74 Milliarden Franken liegen die F&E-Ausgaben der chemisch-pharmazeutischen Industrie in den USA rund zehnmal so hoch wie in der Schweiz und immer noch mehr als dreimal so hoch wie in China (23 Mia. CHF) und Japan (20 Mia CHF). Mit grossem Abstand folgt auf Platz 4 Deutschland (9.7 Mia. CHF). Danach folgt die Schweiz. Das stärkste Wachstum findet in China statt - hier sind Schweizer Unternehmen ebenfalls aktiv. Auch in den USA, Belgien, Singapur, Korea und Taiwan sind die prozentualen Ausgabensteigerungen (zum Teil deutlich) höher als in der Schweiz, was als Herausforderung angesehen werden muss.

Wo ist die Schweiz Weltspitze?

Die Schweizer scienceindustries fokussieren sich auf die Spitzenforschung. Unsere Technologieanalysen zeigen, dass in keinem Land der Anteil der Top-Patente so hoch ist wie hierzulande. Auch gemessen am Wachstum des Forschungserfolgs belegen die Schweizer scienceindustries einen Spitzenplatz. Die hohe Innovationskraft, gepaart mit organisatorischer Effizienz sowie einer hohen Automatisierung in der Produktion, führt dazu, dass die Schweiz im internationalen Vergleich eine überdurchschnittliche Produktivität aufweist. Die Nordwestschweiz beispielsweise ist heute mutmasslich der produktivste Life Sciences Cluster der Welt.

Wo hat die Schweiz bereits heute Nachholbedarf?

Die Innovationsdynamik war in den letzten Jahren in Asien deutlich höher als in der Schweiz. China und Südkorea konnten zu den etablierten Standorten aufschliessen. Zudem gewannen aufholende Länder wie Singapur, Indien oder Taiwan in den letzten Jahren rasant an Bedeutung. Natürlich expandieren auch Schweizer Unternehmen in Asien, zumal dort auch künftig das grösste Nachfragewachstum erwartet wird und die Standortbedingungen durchaus wettbewerbsfähig sind. Die grosse Stärke der Schweiz als Wirtschaftsstandort ist, dass sie keine wirklichen Schwächen aufweist. Von Nachholbedarf kann man deshalb eigentlich nicht sprechen. Doch die Schweiz tut gut daran, ihre Trümpfe weiterhin selbst in der Hand zu behalten. Dann wird der Forschungs- und Innovationsplatz Schweiz auch in Zukunft am hohen globalen Wachstum der Chemie- , Pharma und Life Sciences Industrie partizipieren können.

Welche Herausforderungen sehen Sie bei Innovation "made in Switzerland" für die Zukunft?

Die Unternehmen der scienceindustries gehören global gesehen zu den Technologieführern und haben gute Voraussetzungen, auch in Zukunft erfolgreich im Innovationswettbewerb zu bestehen. Doch als Global Player überprüfen diese Unternehmen auch in der Schweiz laufend die Zweckmässigkeit ihrer Strukturen und die Nachhaltigkeit ihrer Standortbedingungen. Gegenwärtig bewerten sie die Rahmenbedingungen hierzulande immer noch als sehr günstig. Das belegen die milliardenschweren Investitionen in die hiesige Forschungsinfrastruktur. Die Herausforderungen sind eher auf der politischen Ebene zu finden. Der Nimbus des Wirtschaftsstandorts Schweiz als Garant (wirtschafts-) politischer Stabilität und Rechtssicherheit hat im Zuge verschiedener Abstimmungen in den vergangenen Jahren gelitten.

BAK Economics AG (BAK) ist ein unabhängiges Schweizer Institut für Wirtschaftsforschung und ökonomische Beratung. Gegründet als Spin-Off der Universität Basel, steht BAK seit 1980 für die Kombination von wissenschaftlich fundierter empirischer Analyse und deren praxisnaher Umsetzung. Einer der Forschungsschwerpunkte von BAK sind ökonomische Analysen zu den Life Sciences und anderen Schlüsselbranchen der Schweizer Wirtschaft. Für diese hat BAK ein breites Analyseinstrumentarium entwickelt, das unter anderem das globale Benchmarking von regionalen Industrieclustern beinhaltet. Neben der klassischen Wirtschaftsforschung bietet BAK auch verschiedene ökonomische Beratungsdienstleistungen für Unternehmen an. BAK unterhält Standorte in Basel, Lugano und Zürich.

Michael Grass ist Mitglied der Geschäftsleitung von BAK Economics. Er ist studierter Ökonom und als Bereichsleiter unter anderem verantwortlich für die die Branchenanalysen von BAK.

 


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