Präsidialansprache 2005

von Dr. Rudolf Wehrli
anlässlich der 123. ordentlichen Generalversammlung
von SGCI Chemie Pharma Schweiz vom 24. Juni 2005 in Luzern

Sehr geehrte Damen und Herren

Im letzten Jahr beschäftigte unsere Industrie in der Schweiz rund 30’000 Personen, investierte über 1 Mrd. Franken in Forschung und Entwicklung und exportierte Waren im Wert von fast 15 Mrd. Franken, was einem Anteil von 10 % an den schweizerischen Gesamtexporten entsprach. Exportschlager waren wie seit vielen Jahrzehnten Additive, Farbstoffe sowie Riech- und Aromastoffe. Augenblick, werden Sie irritiert einwenden, und zwar zu Recht: Es fehlt nämlich der ausserordentlich bedeutende Beitrag der pharmazeutischen Produkte zur Gesamtindustrie. Zusammen mit der Pharmasparte beschäftigte unsere Industrie im letzten Jahr in der Schweiz rund 62’000 Personen, investierte rund 5 Mrd. in Forschung und Entwicklung und die Ausfuhren betrugen fast 50 Mrd. Franken, was mehr als einem Drittel aller schweizerischen Exporte entsprach. Welch gewaltiger Unterschied für die Branche, mehr noch für die schweizerische Volkswirtschaft!

Wozu der Vergleich dieser Zahlen, mögen Sie fragen. Nun, ich will Sie dazu einladen, einige Minuten mit mir zusammen über mögliche Konsequenzen, über Sinn oder Unsinn von Moratorien in Wissenschaft und Forschung nachzudenken. Denn schon bald werden wir erneut über ein Moratorium abstimmen müssen, nämlich über die "Volksinitiative für Lebensmittel aus gentechnikfreier Landwirtschaft".

Meinen eingangs genannten Zahlen liegt eine fiktive, vielleicht aber doch nicht ganz unwahrscheinliche Geschichte zugrunde: Im Jahr der Gründung unserer Gesellschaft, also im Jahr 1882, fand eine Volksabstimmung über ein fünfjähriges Moratorium zum Verbot von Forschung und Anwendung chemischer Produkte bei der Bekämpfung von Krankheiten statt. Die Initianten des Moratoriums machten geltend, Chemikalien seien gesundheitsgefährdend und könnten somit den Patienten nicht helfen, sondern diese noch kränker machen. Überdies sei doch seit Jahrhunderten allgemein anerkannt, dass Krankheiten mit pflanzlichen Arzneien am wirksamsten behandelt würden. Die Schweiz solle sich deshalb auf den Anbau und die Verarbeitung natürlicher Heilpflanzen spezialisieren; damit hätte unser Alpenland auch international eine gute Wettbewerbschance. Auch wirtschaftlich sei ein Verzicht auf diese chemische Forschungsrichtung ohne Schwierigkeiten zu verkraften; denn gegenwärtig, also 1882, würden sich bloss einige Dutzend Mitarbeiter der chemischen Industrie mit der Erforschung und Entwicklung künstlicher chemischer Arzneimittel beschäftigen. Ausserdem sei der Nutzen dieser neuen chemischen Produkte überhaupt noch nicht erwiesen, sei doch bisher kein einziges derartiges Medikament auf dem Markt erhältlich. In der Tat kam das erste auf naturwissenschaftlicher Basis entwickelte Arzneimittel, das von Hoechst hergestellte fiebersenkende Kairin, erst ein Jahr später, also 1883, in den Verkauf. In der Volksabstimmung vom Herbst 1882 stimmten Volk und Stände dem beantragten Moratorium denn auch mit deutlichem Mehr zu. 1887 wurde das Moratorium sodann für weitere 5 Jahre erneuert und anschliessend endgültig in die Verfassung aufgenommen. Die schweizerischen Unternehmen hatten sich diesem Verbot in späteren Jahren nicht mehr widersetzt, da sie längst die Konsequenzen gezogen und die Erforschung und Entwicklung von Arzneimitteln auf chemischer Basis ins Ausland verlegt hatten. Die Herstellung der neuartigen Medikamente war, man weiss es, ein immenser Erfolg.

Zugegeben: Zwar klingt das Argumentarium durchaus vertraut und doch hätte sich meine kleine Geschichte wohl nicht so ereignet. Vielleicht zehn, spätestens zwanzig Jahre nach dem wirtschaftlichen Erfolg der chemischen Arzneimittelproduktion im Ausland hätten die pragmatischen Schweizer ihren Irrtum wohl bemerkt und die Arzneimittelforschung in der Schweiz wieder zugelassen. Ob die schweizerischen Firmen dann ihre im Ausland erfolgreiche Forschung und Produktion aber in die Schweiz zurückgeholt hätten, muss bezweifelt werden. Labors, Produktionsanlagen und vor allem das Know-how der Mitarbeiter lassen sich nicht so leicht und vor allem nicht kostenlos von einem Land ins nächste verschieben. Vielleicht hätten sich dann die ausländischen Tochtergesellschaften der schweizerischen Firmen zu Weltfirmen entwickelt und ihre schweizerischen Mütter wären langsam in der Bedeutungslosigkeit versunken. Doch genug der Spekulation!

Wesentlich, und das will meine kleine Geschichte zeigen, ist bloss Eines: Das technische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Potential einer neuen Technologie lässt sich im Voraus - wenn überhaupt - nur sehr unzulänglich abschätzen. Auch wenn nicht zu bestreiten ist, dass die Gesellschaft die Aufgabe hat, wissenschaftlich-technische Entwicklungen auf ihre Relevanz für das tägliche Leben hin zu prüfen, so muss sie sich bewusst bleiben, dass diese Prüfung mit erheblichen Risiken und Unwägbarkeiten behaftet ist. Es kann nämlich auch gefährlich sein, eine wissenschaftlich-technische Entwicklung zu früh aus politischen oder gesellschaftlichen Erwägungen abzubrechen oder zu stoppen. Oder wie das chinesische Sprichwort sagt: man soll die Raupe nicht gering achten, denn niemand weiss, ob daraus nicht ein Drache schlüpft!

Lassen Sie mich der zentralen Frage nach dem Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Technik auf der einen und der Gesellschaft auf der anderen Seite aus aktuellem Anlass – dem Gentechnik-Moratorium nämlich – anhand einiger Thesen nachgehen.

These 1: Menschliches Streben nach Wissen ist grundsätzlich unbegrenzt, und daher kollidiert es immer wieder mit den tradierten gesellschaftlichen Wertesystemen. So wird überliefert, Alexander der Grosse wollte herausfinden, welches die älteste Sprache der Menschheit sei. Er setzte daher zwei Kleinkinder, die noch nicht sprechen gelernt hatten, allein in der Wüste aus, liess sie zwar ernähren aber unter dem strikten Verbot der verbalen Kommunikation, und wartete auf die ersten Worte dieser sich selbst überlassenen Kinder. Die anonyme Quelle meint – nicht verwunderlich – die ersten Laute und Worte wären eben Griechisch gewesen. Bloss: eine Abstimmung unter Müttern hätte diese Art empirischer Forschung gewiss rasch beendet, und wir sind uns wohl einig, auch zu Recht. Wir wollen auch nicht solch befremdlicher Forschung das Wort reden. Indessen: Aus heutiger Sicht hat Alexander der Grosse aus verschiedenen Gründen sein Experiment falsch angelegt, und es konnte gar nicht zu wissenschaftlich haltbaren Ergebnissen führen. Das Beispiel mag aber illustrieren, dass empirische Forschung immer eng mit dem Irrtum verbunden ist. Aber gehört es nicht auch zu den Grundeinsichten der Menschen, dass wir hauptsächlich aus Fehlern lernen? Fortschritt und Irrtum sind Zwillinge. Wollen wir wegen möglicher Fehler auf Fortschritt verzichten? In der Regel können wir erst nach dem Versuch über seine Zweckmässigkeit befinden. Daran ändern auch noch so ausgeklügelte Instrumente der Technikfolgenabschätzung wenig. Dies bringt mich zu meiner zweiten These.

These 2. Gesellschaften versuchen Kollisionen von Technikfolgen mit ihren Wertesystemen zu vermeiden – und passen in der Regel ihre Wertesysteme der technologischen Entwicklung an. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse, neue technische Möglichkeiten forderten die Gesellschaft schon immer heraus, ihre überkommenen Ethik- und Wertvorstellungen auf ihre Zukunftstauglichkeit hin zu überprüfen, meist mit dem Ergebnis, dass Wertesysteme angepasst, nicht aber auf die neuen technischen Möglichkeiten verzichtet wurde. Was einst gegen hergebrachte Ethik verstiess, wird oft schon wenig später als anerkannte Wissenschaft unumschränkt akzeptiert und im Alltag praktiziert. Die Diskussion über Wünschbarkeit und Zulässigkeit von Herztransplantationen in den sechziger Jahren mag das illustrieren. Befürworter, Zweifler, vehemente Gegner stritten über ein Thema, das heute zur Routine in zahlreichen herzchirurgischen Kliniken geworden ist. Gelegentlich dauert zwar die Anpassung der Werte etwas länger: so wurde Galileo Galileis empirische Untermauerung des kopernikanischen Weltbildes während fast 200 Jahren von der katholischen Kirche als gefährliche Irrlehre bekämpft; erst 1822 hob sie ihr Verbot der Werke Galileis auf, und erst 1992 wurde Galilei als Person rehabilitiert, immerhin! Gewiss, solche Anpassung ist nicht immer einfach und oft von harten Auseinandersetzungen geprägt, wie wir am Beispiel der Maschinenstürme des frühen 19. Jahrhunderts, oder der Ablehnung des Automobils im Kanton Graubünden sehen können. Dennoch: über die Jahrhunderte hinweg zeigt sich als übliche Reaktion von Gesellschaften auf technologische Herausforderungen die Anpassung ihrer Wertesysteme an die faktischen technologischen Entwicklungen. Am Ende setzt sich Pragmatik durch, weil sich offenbar keine Gesellschaft auf Dauer vom vielfältigen Nutzen neuer Technologien ausschliessen will. Allerdings – und damit komme ich zu meiner dritten These -

These 3. Heutige westliche Gesellschaften neigen dazu, ihr überkommenes Wertesystem gegen technologische Neuerungen kompromisslos und fundamental-oppositionell zu verteidigen. Die Verweigerung gegenüber Neuem  ist historisch vielfältig beobachtbar, neu mag jedoch die Vehemenz und zuweilen religiöse Inbrunst erscheinen, mit der die Wertediskussion in den letzten Jahrzehnten durchgeführt wird. Verständlich wird dieses Phänomen alleine auf dem Hintergrund einer materiell abgesicherten und saturierten Gesellschaft. Die wirtschaftlich scheinbar gesicherte Lage verführt offenbar viele Bürgerinnen und Bürger dazu, die wahren Ursachen ihres Wohlstandes – nämlich die weltweite Wettbewerbsfähigkeit ihrer Wirtschaft - zu verkennen und zu glauben, Wertediskussionen könnten losgelöst von ihrer wirtschaftlichen Basis geführt werden und würden ihr künftiges Wohlergehen nicht beeinträchtigen. Der sachlich geführte politische Diskurs, eine der wesentlichen Errungenschaften der Aufklärung, scheint in Vergessenheit geraten zu sein. Zudem übersteigen ja immer grössere Lebensbereiche unserer Zivilisation in Folge ihrer Komplexität unser Verständnis, werden zum esoterischen Gebiet von Experten, denen wir nur noch glauben oder misstrauen können. Glaube statt Diskurs, Ideologie statt rationale Auseinandersetzung, irrationale Hoffnung statt Fakten. Was nicht sein darf, wird verleugnet – etwa der Strom, der aus der Steckdose kommt, nicht aber vom Kernkraftwerk. Der Schritt, gesellschaftlich unerwünschte Technologien" nicht nur ins Pfefferland zu wünschen, sondern auch demokratisch legitimiert verbieten zu lassen, ist dann klein. Indessen: so nahe uns demokratiegewohnten Schweizern diese Auffassung liegt, so naiv ist die Meinung, wir könnten in unserem Land eine Insel der Seligen errichten, von der sich solch unerwünschte Technologien fernhalten liessen. Denn – damit bin ich bei meiner 4. These - 

These 4. Technologischer Fortschritt ist ein internationales Phänomen – wird die Anwendung in einem Land verboten, findet sie anderswo statt. Selbstverständlich kann jede moderne Demokratie den allgemeinen Rechtsrahmen und damit auch die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft festsetzen, kann also die Mehrheit der Bürger einer demokratisch verfassten Gesellschaft den Einsatz von bestimmten Technologien verbieten. Die Entwicklung wird dann eben an einem anderen Ort der Welt fortgesetzt, letztlich zum Schaden der Bevölkerung des sich verweigernden Landes. Das gilt natürlich ganz besonders in einer wissensbasierten Gesellschaft, die in besonderem Masse auf wissenschaftlich-technische Innovation angewiesen wäre. Der Primat der Politik mag formell zwar grenzenlos sein, die technologische Entwicklung lässt sich durch Mehrheitsbeschlüsse eines Staates weder verhindern noch blockieren. Damit soll nicht bestritten werden, dass es aus gesamtgesellschaftlicher Sicht sinnvoll sein kann, auf dem Gesetzesweg Regeln für möglichst gefahrlosen Umgang und Einsatz neuer Technologien zu etablieren. Das Fahren auf der rechten Strassenseite ist - Aufenthalte in Entwicklungsländern bestätigen Sie wohl in dieser Auffassung - eine durchaus vernünftige Regelung, welche die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger weitgehend gewährleistet, ohne den Fortschritt abzuwürgen. Damit komme ich zu meiner fünften These.

These 5. Sachlicher Diskurs statt ideologischer Grabenkämpfe ist nötig, um die technologische Entwicklung in zustimmungsfähige Bahnen zu lenken. Dazu braucht es die grundsätzliche Bereitschaft von Bürgerinnen und Bürger, offen, vorurteilslos und redlich über den Einsatz von Technologien zu diskutieren, es braucht dazu auch ein Minimum an politischem Respekt aber auch Einsicht in die Grundbedingungen unserer materiellen Basis. Der Souverän muss bereit sein, nüchtern zu erkennen, welche Konsequenzen und Grenzen sein gesetzgeberisches Handeln hat. Nur wenn die Bürger um die Basis ihres Wohlstands wissen, nur wenn sie erkennen, auf welchen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und Methoden ihr gewohntes Leben beruht, sind sie in der Lage, befürchtete oder tatsächliche negative Auswirkungen einer technologischen Entwicklung zu vermeiden, ohne gleichzeitig das Potential dieser Technologie zu zerstören. In der Schweiz gilt es vor allem zu erkennen, dass unser rohstoffarmes Land in hohem Masse von der Innovationskraft seiner Unternehmen abhängig ist. Ohne wissenschaftlich-technische Fortentwicklung ist aber gerade diese unternehmerische Innovationsfähigkeit stark gefährdet. Nicht zuletzt braucht es schliesslich auch empirisch gesicherte Informationen über Gefahren und Nutzen der in Diskussion stehenden Technologie. Diskussionen über blosse Perzeptionen anstatt über Fakten laufen schnell Gefahr, in sterile und nutzlose Glaubenskämpfe auszuarten. Unser Gastreferent Prof. Gruissem wird mit seinem Referat einen Beitrag zur Versachlichung der Diskussion über den Einsatz der Biotechnologie in der Landwirtschaft leisten. Lassen Sie mich damit zu meiner letzten These kommen.

These 6. Allein Aufklärung und faktenbasierte Diskussion können zu verantwortungsvollen Regelungen im Rahmen des gesellschaftlichen Technologiediskurses führen. Forschung in neuen, unbekannten Feldern beinhaltet Chancen aber auch Risiken, Fortschritt ist nicht ohne sie zu haben. Ziel staatlicher Regulierungen kann daher nicht die absolute Sicherheit, nicht das Null-Risiko sein,  sondern eine den Verhältnissen angepasste, mit den Risiken anderer Technologien vergleichbare Sicherheitsstufe. Es gilt also, die heute bekannten und wissenschaftlich dokumentierten Risiken gegen den voraussichtlichen Nutzen einer Technologie abzuwägen. Beispiele für solches Abwägen gibt es, eines der prominentesten ist zweifellos das neue schweizerische Gentechnik-Gesetz, das einerseits die Befürchtungen der Bevölkerung ernst nimmt und andererseits doch auch die sichere und verantwortungsvolle Anwendung der Gentechnik in der Schweiz gewährleistet.

Soweit meine Thesen, wechseln wir zur politischen Praxis. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass gesellschaftliche Auseinandersetzungen über den Einsatz von neuen Technologien zu den schwierigsten Aufgaben einer Demokratie zählen. Selbst für anerkannte Fachleute ist es fast unmöglich, sichere Aussagen über heutige und künftige Risiken und Nutzen einer Technologie oder über künftige Technologiepotentiale und deren Beitrag zum Wohlergehen eines Landes zu machen. Die Diskussionen folgen dem Dictum: Voraussagen sind schwierig, insbesondere wenn sie die Zukunft betreffen. Um wie viel schwieriger ist es aber, wenn sich Laien ein Urteil über derart komplexe Sachverhalte bilden müssen. Dass in diesem Umfeld häufig Emotionen und nicht Sachinformationen den Diskurs beherrschen, wen wundert es! Gerade deshalb muss es unsere Aufgabe als Wirtschafts- und Wissenschaftsvertreter sein, die Bürgerinnen und Bürger sachlich über das zu informieren, was wir am besten verstehen, nämlich die voraussichtlichen wirtschaftlichen Folgen ihrer politischen Entscheide. Es sollte nicht vorkommen, dass Bürgerinnen und Bürger Entscheide in Unkenntnis ihrer wirtschaftlichen Konsequenzen treffen. Ob wir uns mit unseren sachlichen Argumenten durchsetzen werden, ist eine andere Frage, aber die Ungewissheit des Ausgangs dispensiert uns nicht von der Anstrengung der Aufklärung.

Das politische Thema hinter meinen Ausführungen, das eingangs erwähnte Gentechnik-Moratorium, berührt zwar unsere Industrie zurzeit nur am Rande, könnte aber zu einem gefährlichen Präzedenzfall werden: Die "Volksinitiative für Lebensmittel aus gentechnikfreier Landschaft" will die schweizerische Landwirtschaft während 5 Jahren gentechnikfrei halten, insbesondere verlangt sie, dass gentechnisch veränderte vermehrungsfähige Pflanzen, Pflanzenteile und Saatgut, welche für die landwirtschaftliche, gartenbauliche oder forstwirtschaftliche Anwendung in der Umwelt bestimmt sind, weder in die Schweiz eingeführt noch in Verkehr gebracht werden dürfen. Auch wenn während eines allfälligen Moratoriums mit Sicherheit keine gentechnisch veränderte Pflanze kommerziell in Verkehr gebracht wird, lehnt SGCI Chemie Pharma Schweiz das Gentech-Moratorium aus den oben in 6 Thesen erläuterten grundsätzlichen Überlegungen und insbesondere aus drei speziellen Gründen ab:

  1. Das Moratorium ist schädlich für unseren Forschungs- und Wirtschaftsplatz. Ein Verbot der praktischen Anwendung wirkt sich ohne jeden Zweifel negativ auf die Forschung aus, auch wenn diese an sich nicht verboten wird. Doch wer investiert schon Geld und Zeit in Forschungen, deren Anwendung verboten ist? Schweizerische Firmen würden ihre Forschungsvorhaben mit Sicherheit im Ausland durchführen, junge schweizerische Wissenschafter entweder abwandern oder sich anderen, weniger zukunftsträchtigen Disziplinen zuwenden.
     
  2. Das Moratorium ist unehrlich. Die Initiative verspricht den Konsumenten Lebensmittel aus einer gentechnikfreien Landwirtschaft. Tatsächlich aber ist die Einfuhr von Produkten aus gentechnisch veränderten Pflanzen nach wie vor erlaubt, und zwar sowohl als Nahrungs- als auch als Futtermittel. Im weitern propagiert die Initiative die gentechikfreie Landwirtschaft als wirtschaftliche Chance für die schweizerischen Bauern, tatsächlich bevormundet sie die Landwirte. Anders als im Ausland wäre der Anbau von gentechnisch-veränderten Nutzpflanzen, z.B. neuer schädlings- und krankheitsresistenter Sorten, in der Schweiz verboten. Im übrigen muss wohl das zeitlich befristete Moratorium bloss als erster Schritt zum definitiven Verbot dieser Zukunftstechnologie verstanden werden.
     
  3. Das Moratorium ist unnötig. Das neue und im internationalen Vergleich strenge Gentechnikgesetz stellt sicher, dass in der Landwirtschaft mit der modernen Biotechnologie verantwortlich umgegangen, die Umwelt geschützt und die Wahlfreiheit der Verbraucher gewährleistet wird. Das Parlament hat sich bereits zweimal gegen ein Moratorium in der Pflanzenbiotechnologie ausgesprochen, und sogar Volk und Stände haben sich 1998 mit einer Zweidrittelsmehrheit gegen Verbote in der Biotechnologie ausgesprochen.

Schliessen will ich mit einer Reminiszenz aus der Literatur: In Friedrich Dürrenmatts noch immer aktuellem Schauspiel "Die Physiker" zieht sich ein Wissenschafter "aus Verantwortung" – wie er meint -, ins Irrenhaus zurück, damit sein Wissen der Gesellschaft nicht zum Verhängnis werde. Später wird ihm allerdings klar, dass er damit die Wissenschaft, die Erkenntnis verraten habe. Denn – und das ist der Schlüsselsatz -: "Alles Denkbare wird einmal gedacht, jetzt oder in Zukunft".

Die Frage, die sich uns heute stellt, lautet daher nicht, ob sich die Gentechnologie in der Landwirtschaft weiter entwickelt, sondern bloss wo. Die Entscheidung ist nicht für oder gegen Gentechnologie in der Landwirtschaft zu fällen, sondern für oder gegen eine Abkoppelung unseres Landes von einer der zukunftsträchtigsten Technologien überhaupt. Um diese Entscheidung können wir uns nicht drücken. Genau das tun wir aber mit einem Moratorium.

Als Vertreter der chemischen und pharmazeutischen Industrie, einer innovativen und wissenschaftsbasierten Industrie, fordere ich Sie auf, gemeinsam zu kämpfen für die Aufklärung und gegen Denkverbote, für die Freiheit der Forschung und gegen ein schädliches, unehrliches und überflüssiges Moratorium.

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