Wirtschaftsverband Chemie Pharma Life Sciences

Publikationen - Positionspapiere

Position zur Nachhaltigkeit in Freihandelsabkommen

10.09.2026

Handel. Verantwortung. Zukunft.

Freihandel stärkt Nachhaltigkeit

Bild: AI generiert

Positionspapier zur Nachhaltigkeit in Freihandelsabkommen

3. Juli 2026

 

Inhaltsverzeichnis

  1. Management Summary
  2. Strategische Bedeutung von Freihandelsabkommen
    1. Marktzugang und Wettbewerbsfähigkeit
    2. Ausbau und Modernisierung des FHA-Netzes
  3. Nachhaltigkeitskapitel in Freihandelsabkommen
  4. Freihandelsabkommen als Plattform für nachhaltige Entwicklung
    1. Entwicklung, Wohlstand und Stabilität
    2. Dialog, Standards und institutionelle Wirkung
  5. Umsetzung: wirksamer Dialog statt kontraproduktiver Eskalation
  6. Fazit

 

 

1. Management Summary

Freihandelsabkommen sind für die Schweiz kein Selbstzweck, sondern ein strategisches Instrument zur Sicherung von Wohlstand, Innovationskraft und internationaler Wettbewerbsfähigkeit. In Zeiten geo- und handelspolitischer Spannungen ist verlässlicher Marktzugang sowohl für den Wirtschaftsstandort Schweiz als auch für die Versorgungssicherheit absolut essenziell. Gerade für die exportorientierte chemisch-pharmazeutische Industrie sind stabile Regeln, faire Wettbewerbsbedingungen und offene Märkte zentrale Voraussetzungen für Investitionen, Forschung und Beschäftigung in der Schweiz.

Nachhaltigkeit wird nicht durch Abschottung erreicht, sondern durch wirtschaftliche Entwicklung, institutionellen Dialog und schrittweise höhere Standards. Nachhaltigkeitskapitel in Handelsabkommen sollen deshalb ambitioniert, glaubwürdig und umsetzbar sein, ohne Partnerländer abzuschrecken oder die Verhandlung neuer und bestehender Abkommen zu blockieren.

scienceindustries unterstützt daher eine aktive Schweizer Freihandelspolitik mit klaren Nachhaltigkeitsbestimmungen, setzt aber auf Kooperation, Transparenz und multilaterale Anschlussfähigkeit statt auf symbolische Sanktionslogik. Dies gilt umso mehr, als die EFTA strukturell nicht über dieselben Durchsetzungshebel verfügt wie die EU: Sie ist ein kleinerer Markt, kein politischer Integrationsraum mit einheitlicher Aussenpolitik und verfügt weder über vergleichbare regulatorische Reichweite noch über dieselbe Verhandlungsmacht. Entscheidend ist deshalb, dass Freihandelsabkommen Märkte öffnen, Rechtssicherheit schaffen und zugleich eine belastbare Plattform für konkrete Fortschritte in Umwelt-, Arbeits- und Sozialfragen bieten.

2. Strategische Bedeutung von Freihandelsabkommen

Freihandelsabkommen sind ein zentrales Instrument, um wirtschaftliche Offenheit, verlässlichen Marktzugang und nachhaltige Entwicklung miteinander zu verbinden. Gerade in Zeiten zunehmender geo- und handelspolitischer Spannungen wird verlässlicher Marktzugang zu einem strategischen Standort- und Versorgungsfaktor: Er reduziert Abhängigkeiten, stabilisiert internationale Lieferketten und stärkt die Fähigkeit der Schweiz, kritische Güter, Vorprodukte und innovative Produkte auch unter erschwerten Rahmenbedingungen verfügbar zu halten. Freihandelsabkommen verbessern die Wirtschaftsbeziehungen mit wichtigen Partnern weltweit, schaffen stabile Rahmenbedingungen für Handel und Investitionen und stärken damit die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Schweiz.

Der Erfolg der schweizerischen Chemie Pharma Life Sciences Industrien basiert in hohem Masse auf der weltweiten Vermarktung innovativer Produkte, auf global eingebundenen Wertschöpfungsketten und auf verlässlichen regulatorischen Rahmenbedingungen. Als exportorientierte Schlüsselindustrie ist sie auf offenen Marktzugang, den wirksamen Schutz geistigen Eigentums sowie auf den Schutz von Direktinvestitionen angewiesen.

Aus Sicht von scienceindustries sollten Handelsabkommen deshalb nicht nur Zölle abbauen, sondern auch Rechtssicherheit, faire Wettbewerbsbedingungen und einen kontinuierlichen Dialog über Nachhaltigkeit, Arbeitsnormen und Umweltfragen fördern. Multilaterale oder plurilaterale Lösungen bleiben dabei der bevorzugte Weg, weil sie den grössten Wohlfahrtsgewinn erzielen und Diskriminierungen zwischen Handelspartnern am wirksamsten vermeiden.

Gelingt es nicht, Handelsabkommen auf multilateraler oder plurilateraler Ebene abzuschliessen, bieten Freihandelsabkommen (FHA) und das Allgemeine Präferenzsystem (engl. GSP) sowohl Entwicklungs- und Schwellenländern wie auch der Schweiz (im Falle der FHA) die Möglichkeit, u.a. einen gegenseitigen erleichterten Marktzugang zu erreichen.

2.1 Marktzugang und Wettbewerbsfähigkeit

Der erleichterte Marktzugang sowie der Abbau von Handelshemmnissen ermöglicht allen Unternehmen (inkl. KMU's) Wettbewerbsvorteile gegenüber Mitkonkurrenten aus Ländern ohne entsprechendes FHA.[1]

2.2 Ausbau und Modernisierung des FHA-Netzes

Die Schweiz hat mittlerweile 34 Abkommen mit 44 Staaten (ohne EU und EFTA) in Kraft gesetzt, 5 sind unterzeichnet. Wichtige Ausnahmen sind die USA, Australien, Neuseeland und Russland. Während der Fokus früher auf Abkommen mit entwickelten Ländern lag, werden nun für die Erweiterung des FHA-Netzes vermehrt entsprechende Abkommen mit Entwicklungs- und Schwellenländern angestrebt. In die Jahre gekommene Abkommen werden nun modernisiert respektive finden exploratorische Gespräche über die Möglichkeiten einer Modernisierung statt.

scienceindustries unterstützt die Strategie des Bundesrates, das Netz von Freihandelsabkommen durch neue Abkommen zu erweitern sowie bestehende Abkommen zu modernisieren.

3. Nachhaltigkeitskapitel in Freihandelsabkommen

Das überarbeitete EFTA-Modellkapitel über Handel und nachhaltige Entwicklung zeigt, dass die EFTA ihr Nachhaltigkeitskapitel deutlich ausgebaut hat. Es bekräftigt die drei Säulen der nachhaltigen Entwicklung – Wirtschaft, Soziales und Umwelt – sowie die Verpflichtung zur Umsetzung internationaler Abkommen wie der Agenda 2030, der ILO-Kernnormen und des Pariser Klimaabkommens.[2]

Neu bzw. verstärkt wurden Bestimmungen zu Klimaschutz, Biodiversität, nachhaltiger Waldbewirtschaftung, Fischerei, Landwirtschaft, nachhaltigen Lieferketten, verantwortungsvoller Unternehmensführung sowie Geschlechtergleichstellung und Nichtdiskriminierung. Gleichzeitig verpflichten sich die Vertragsparteien, Umwelt- und Arbeitsstandards nicht abzusenken, um Handels- oder Investitionsvorteile zu erzielen.

Für die Durchsetzung setzt die EFTA weiterhin primär auf Zusammenarbeit, Dialog und Überwachung durch gemischte Ausschüsse. Neu wurde jedoch ein unabhängiges Expertenpanel eingeführt, das bei Streitigkeiten Empfehlungen abgeben kann. Handelssanktionen sind im Modellkapitel nicht vorgesehen.

4. Freihandelsabkommen als Plattform für nachhaltige Entwicklung

Freihandelsabkommen schaffen keine automatische Nachhaltigkeit, sie bieten jedoch eine wirksame institutionelle Plattform, um wirtschaftliche Entwicklung, bessere Standards und regelmässigen Dialog miteinander zu verbinden. Gerade Entwicklungs- und Schwellenländer profitieren davon, wenn Marktzugang, Investitionen, Bildungsperspektiven und verlässliche Rahmenbedingungen zusammenspielen und so Anreize für höhere Umwelt-, Arbeits- und Qualitätsstandards entstehen.

4.1 Entwicklung, Wohlstand und Stabilität

Freihandelsabkommen ermöglichen Entwicklungs- und Schwellenländern, eigene Produkte zu wettbewerbsfähigen Konditionen (u.a. durch Reduktion von Zöllen und Handelshemmnissen) im Markt des Freihandelspartners vermehrt anzubieten. Dadurch können zusätzliche Arbeitsplätze entstehen, welche den Arbeitnehmern ein höheres Einkommen bescheren und so die wirtschaftliche Situation verbessern. Der damit einhergehende Wohlstandsgewinn respektive die Anhebung des Lebensstandards verbessern die Zukunftsperspektive und können dazu führen, dass frei werdende Ressourcen in die nachhaltige Entwicklung investiert werden. Zudem senken verbesserte Perspektiven den Migrationsdruck und fördern die politische Stabilität in den betroffenen Ländern.

4.2 Dialog, Standards und institutionelle Wirkung

Freihandelsabkommen schaffen einen strukturierten, regelmässigen Kontakt zwischen den Partnerländern. Dadurch können Fragen zu nichttarifären Handelshemmnissen, Korruption, Umwelt- und Arbeitsstandards oder Umsetzungslücken in einem institutionellen Rahmen angesprochen werden, in dem sonst häufig keine vergleichbare Einfluss- und Dialogmöglichkeit besteht.

Der höhere Konkurrenzdruck zwischen Unternehmen kann sich außerdem positiv auf die Qualität der produzierten Waren sowie auf neue Innovationen auswirken.

Nicht zuletzt können Freihandelsabkommen eine große Bedeutung für die Friedenssicherung zwischen zwei Staaten haben.

Die schweizerische chemisch-pharmazeutische Industrie bekennt sich zur nachhaltigen Entwicklung in ihren drei Dimensionen (ökonomisch, ökologisch und sozial). Ein möglichst freier Handelsaustausch zwischen den Ländern fördert die nachhaltige Entwicklung durch seine wohlstandssteigernden Wirkungen am besten. scienceindustries unterstützt deshalb die Strategie des Bundesrates ausdrücklich.

5. Umsetzung: wirksamer Dialog statt kontraproduktiver Eskalation

Freihandelsabkommen werden zwischen souveränen Staaten oder Staatengruppen geschlossen und müssen politisch tragfähig, umsetzbar und für beide Seiten vorteilhaft bleiben. Nachhaltigkeitsbestimmungen sind wichtig, dürfen jedoch nicht so ausgestaltet werden, dass sie Verhandlungen übermässig belasten, Partnerländer abschrecken oder die für Fortschritte zentrale Dialogplattform gefährden.

5.1 Grenzen der EFTA-Durchsetzungskraft

Die EFTA verfügt strukturell nicht über dieselben Hebel wie die EU, um weitreichende Nachhaltigkeitsvorgaben durchzusetzen. Die EU kann ihre Durchsetzungskraft auf einen sehr grossen Binnenmarkt, eine umfassende Regulierungsagenda und ein breites aussenpolitisches Instrumentarium stützen; die EFTA ist demgegenüber ein Zusammenschluss kleinerer, eigenständiger Volkswirtschaften ohne vergleichbare politische Integrations- und Sanktionsarchitektur.

EFTA-Abkommen sind Kooperationsinstrumente, keine geopolitischen Machtinstrumente. Ein Versuch, EU-ähnliche Durchsetzungsmechanismen auf EFTA-Abkommen zu übertragen, würde deshalb politisch und verhandlungstaktisch ins Leere laufen: Er könnte die Bereitschaft von Partnerländern zum Abschluss neuer Abkommen schwächen, ohne der EFTA gleichzeitig die Mittel zu geben, solche Vorgaben glaubwürdig und wirksam durchzusetzen.

5.2 Kooperative Umsetzung statt Sanktionslogik

Aus Sicht von scienceindustries sollten Monitoring- und Umsetzungsmechanismen auf Kooperation, Transparenz, fachlichen Austausch und klare institutionelle Zuständigkeiten ausgerichtet sein, statt primär auf Sanktionen zu setzen.

Zielführender ist es, mögliche Defizite im Rahmen des Gemischten Ausschusses, spezifischer Dialogformate sowie geeigneter multilateraler und plurilateraler Foren wie ILO, UNO oder OECD anzusprechen und gemeinsam tragfähige Lösungen zu entwickeln. Ein einseitig konfrontativer Ansatz kann dagegen Vertrauen schwächen, die Kooperationsbereitschaft reduzieren und damit gerade jene Fortschritte erschweren, die Nachhaltigkeitsbestimmungen erreichen sollen.

6. Fazit

Freihandelsabkommen sind für die Schweiz und ihre exportorientierte Industrie ein wirksames Instrument, um Marktzugang, Rechtssicherheit und nachhaltige Entwicklung miteinander zu verbinden. In einem Umfeld zunehmender geo- und handelspolitischer Spannungen ist verlässlicher Marktzugang zugleich eine Frage der Standortattraktivität und der Versorgungssicherheit. Freihandelsabkommen schaffen wirtschaftliche Perspektiven, fördern institutionellen Dialog und ermöglichen Fortschritte bei Umwelt-, Arbeits- und Sozialstandards dort, wo Abschottung keine Wirkung entfalten würde.

Entscheidend ist eine realistische und glaubwürdige Ausgestaltung: Nachhaltigkeitsbestimmungen müssen ambitioniert sein, aber auf die Möglichkeiten der jeweiligen Vertragsparteien abgestimmt bleiben. Für die EFTA bedeutet dies, ihre Stärke als verlässliche Kooperationsplattform zu nutzen, statt EU-ähnliche Durchsetzungsmechanismen zu übernehmen, für die ihr die strukturellen Hebel fehlen.

scienceindustries setzt sich deshalb für eine aktive, offene und zugleich verantwortungsvolle Schweizer Freihandelspolitik ein: mehr Marktzugang, klare Regeln, faire Wettbewerbsbedingungen und ein wirksamer Nachhaltigkeitsdialog statt symbolischer Sanktionslogik.

 

 

[1]..... Untersuchungen zeigen, dass sich der Handel mit Freihandelspartnern dynamischer entwickelt als mit anderen Staaten. Während der weltweite Aussenhandel der Schweiz von 1988 bis 2008 pro Jahr durchschnittlich um 5,7% zugenommen hat, wuchs der Handel mit Freihandelspartnern im Durchschnitt der ersten vier Jahre nach Inkrafttreten des jeweiligen Freihandelsabkommens um über 10% pro Jahr.... (Artikel "Freihandelsabkommen sind ein Grundpfeiler der Schweizer Aussenwirtschaftspolitik")


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