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Gastautor: Michael Altorfer, CEO Swiss Biotech Association

Die Schweizer Biotech-Branche hat sich zu einem der weltweit führenden Zentren für biomedizinische Innovation entwickelt. 2021 investierten Schweizer Biotech-Firmen mehr als 2,5 Mia. Schweizer Franken in Forschungs- und Entwicklungsprojekte. Ihre Produkte und ihre Innovationskraft sind zu einem wichtigen Faktor für die Schweizer Exporte geworden.

13.06.2022

Biotech Industrie - wichtige Quelle Schweizer Innovationskraft

In den letzten zwei Jahrzehnten sind die weltweit tätigen Pharmaunternehmen zunehmend dazu übergegangen, ihre interne Produktpipeline durch externe Kooperationen und Übernahmen zu ergänzen. Während die meisten Pharmafirmen weiterhin über beträchtliche interne Forschung & Entwicklungs (FuE)-Kapazitäten verfügen, bauten sie ihre Scouting- und Allianzmanagementkapazitäten aus, um externe Kooperations- und Allianzpartner zu identifizieren.

Im Zuge dieser Entwicklung ist die Rolle und Bedeutung der externen Innovationspartner und der Biotech Industrie stark gewachsen. Akademische Forschungsgruppen, Biotech-Start-ups, forschungsorientierte KMUs und spezialisierte Biotech-Zulieferfirmen und Investoren arbeiten zusammen, um neue Arzneimittelentwicklungsprojekte zu initiieren und innovative Plattformtechnologien aufzubauen.

Pharmaunternehmen interessiert, biomedizinische Innovationen einzulizenzieren

Die Schweiz zählt seit über einem Jahrhundert zu den führenden Pharmastandorten, und ihre erstklassigen Universitäten und Forschungsinstitute sind seit vielen Jahrzehnten in der naturwissenschaftlichen Forschung tätig. Dabei haben sie oft eine Schlüsselrolle bei bahnbrechenden Entdeckungen in den Naturwissenschaften - von Physik bis zu Molekularbiologie1) - gespielt. Diese international anerkannte Führungsrolle wurde auch durch zahlreiche Nobelpreisträger unter Beweis gestellt.

Es ist also kein neues Phänomen, dass Pharmaunternehmen auf exzellente externe Forschungspartner in der Schweiz zählen können. Neu ist jedoch, dass sie zunehmend daran interessiert sind, innovative Produkte und Technologien in einem späten Entwicklungsstadium einzulizenzieren oder zu erwerben. Diese Nachfrage war eine der wichtigsten Triebfedern für die Expansion der Schweizer Biotech-Industrie in den letzten 20-30 Jahren.

Schweizer Biotech-Start-ups und forschungsorientierte KMU immer bedeutender

Neue Biotech-Unternehmen in der Schweiz entstehen aus vier verschiedenen Quellen: 1) Spin-offs von akademischen Forschungsinstitutionen, 2) Biotech-Firmen, die von Venture-Capital-Investoren und Venture-Buildern gegründet werden, 3) Biotech-Firmen, die sich aufgrund der hervorragenden Rahmenbedingungen in der Schweiz niederlassen oder eine Tochtergesellschaft gründen, in spin-offs von Pharmaunternehmen.

Heute bilden mehr als 1'000 Biotech-Startups, forschungsorientierte KMUs und deren spezialisierte Zulieferer, Berater und Investoren den Kern der Schweizer Biotech-Industrie. Es wurden 50'000-60'000 hochwertige Arbeitsplätze geschaffen, und die Schweiz hat eines der dichtesten biomedizinischen Innovationszentren der Welt aufgebaut, das derzeit mit einer Rate von fast 10 Prozent pro Jahr expandiert.

Rekordinvestition in F&U Projekte: mehr als 2.5 Mia. Schweizerfranken

Die Schweizer Biotech-Unternehmen haben internationale Investoren davon überzeugt, dass sie attraktive Investitionsmöglichkeiten anbieten. So hat sich der Kapitalzufluss in den letzten zehn Jahren fast verzehnfacht, und die Biotech-Unternehmen zogen allein im vergangenen Jahr mehr als 3,3 Milliarden Franken an Neugeldern an. Gleichzeitig bauten sie ihre FuE-Kapazitäten schrittweise aus und investierten 2021 eine Rekordsumme von mehr als 2.5 Milliarden Franken in ihre FuE-Projekte.

Die akademischen Forschungsgruppen sind nach wie vor sehr wichtige Partner der Biotech-Industrie, und die Schweiz investiert stark in die Ausbildung von Nachwuchskräften und die Stärkung des engmaschigen Netzes von Universitäten, Fachhochschulen und Universitätsspitälern. Über ihre Innovationsagentur Innosuisse fördert die Schweiz auch den Aufbau von Public-Private-Partnerships. Solche Partnerschaften haben sich als besonders wirksam erwiesen, da sie mittels translationaler Forschungsprojekte, Forschungserkenntnisse in konkrete Wirkstoffe und anwendbare Technologien umsetzen.

Die Entwicklung solch innovativer Produkte ist mit einem hohen Risiko und erheblichen Investitionen in der Grössenordnung von rund 500 Millionen bis zu 3 Milliarden Franken verbunden und dauert typischerweise 10-15 Jahre. Nur etwa 1 von 100 Forschungsprojekten wird schlussendlich zu einem kommerziellen Produkt führen, das letztlich dem Patientennutzen dienen kann. Nicht selten werden die Produkte der Biotech-Industrie schliesslich von Pharmaunternehmen vermarktet, indem diese die Biotech-Unternehmen kaufen oder eine Lizenz für deren Produkte erwerben. Folglich stellen die Exporte der Biotech- und Pharmaindustrie die gebündelte Innovationskraft unter Beweis. 2021 erreichten diese Exporte ein Volumen von fast 110 Milliarden Franken, was einem Anteil von 42 Prozent der gesamten Schweizer Exporte entspricht.

Schweiz gut positioniert – internationale Rahmenbedingungen verschlechtern sich

Aus Sicht der Schweiz sind die Zukunftsindikatoren allesamt positiv. Ein lebhaftes Startup-Umfeld, zahlreiche Patentanträge und zunehmende Investitionen von Vertragsherstellern und globalen Pharmaunternehmen in Produktionszentren in der Schweiz deuten auf einen weiteren Ausbau der Schweizer Biotech- und Pharmabranche hin. Und die Schweiz leistet ihren Beitrag an allen Fronten, mit neuen Wirkstofftypen (z. Bsp. Antikörper-Wirkstoff-Konjugate, DARPins, Protein-Epitop-Mimetika, RNA-basierte Arzneimittel oder zellbasierte Verfahren für regenerativen Therapien) oder mit datengesteuerte KI/ML-Plattformen. Darüber hinaus tragen zahlreiche Biotech Unternehmen zur biotechnologischen Innovation auch in anderen Bereichen bei, etwa bei der Lebensmittelinnovation, der industriellen Biotechnologie und dem Umweltschutz.

Das Engagement der Schweiz zur Bewältigung globaler medizinischer und gesellschaftlicher Herausforderungen wird trotz dieser Innovationskraft immer anspruchsvoller, da sich die internationalen Rahmenbedingungen verschlechtern. Immer mehr Länder setzen auf nationalistische Ansätze und errichten protektionistische Hürden, welche die internationale Zusammenarbeit behindern und den offenen Austausch wissenschaftlicher Erkenntnisse erschweren. Der internationale Rahmen für einen zuverlässigen Schutz des geistigen Eigentums gerät zunehmend unter Beschuss (wie z.B. die TRIPS-Waiver-Diskussion bei der WTO zeigt) und der Druck zur Senkung der Medikamentenpreise birgt die Gefahr, dass die Innovatoren der Schweizer Biotech-Industrie für das von ihnen eingegangene Risiko und die von ihnen getätigten Investitionen nicht angemessen entschädigt werden.

Globale Herausforderungen: Internationale Forschungszusammenarbeit zentral

Eine solche Verschlechterung des globalen Marktes ist bereits in der Antibiotika-Forschung zu beobachten, wo die meisten privaten Investoren und Pharmafirmen ihr Engagement eingestellt oder massiv reduziert haben, da der ständige Druck zur Senkung der Antibiotika-Preise viel zu weit gegangen ist. Die Tatsache, dass die Schweiz kein voll assoziiertes Mitglied des europäischen Forschungsprogramms Horizon Europe mehr ist, bildet einen weiteren Stolperstein, der die internationale Zusammenarbeit aktuell erschwert.

Die COVID-19 Pandemie hat es klar aufgezeigt: Die internationale Kooperation und der offene Austausch wissenschaftlicher Ergebnisse, ermöglichen der internationalen Gemeinschaft medizinische Bedürfnisse und globale Herausforderungen effizient und erfolgreich anzugehen. Das Vertrauen in die Kraft neuer Technologien, die Fähigkeit zur internationalen Zusammenarbeit und die Kombination der intelligentesten Instrumente und Lösungen bieten die besten Erfolgsaussichten. Die Schweiz ist bereit, ihren Beitrag zu leisten, aber sie braucht ein internationales Umfeld und Partner, die weiterhin gemeinsam daran arbeiten, biomedizinische Innovationen und Lösungen für die weltweiten medizinischen Bedürfnisse zur Verfügung zu stellen.

Swiss Biotech Association: www.swissbiotech.org
Swiss Biotech Directory: www.swissbiotech.org/companies
Swiss Biotech Report: www.swissbiotech.org/report
Swiss Biotech Day (jährliche Industrie-Konferenz, 24./25. April 2023): www.swissbiotechday.ch
Kontakt für allgemeine Informationen: info@swissbiotech.org
Autor: altorfer@swissbiotech.org


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