Wirtschaftsverband Chemie Pharma Life Sciences

Dossiers - Beziehungen zur EU

Life Sciences: Die Schweiz muss aktiver werden

12.01.2026

Ein liberaler Rahmen ist unerlässlich, reicht aber nicht mehr aus, erklärt Annette Luther, Präsidentin von scienceindustries.

Seit Jahren profitiert die Schweiz vom Wachstum der Biowissenschaften, das auf ihre führende Position im Bereich Innovation zurückzuführen ist. Doch die tiefgreifenden Veränderungen in der Weltwirtschaft zwingen sie zur Anpassung. Annette Luther ist besonders gut positioniert, um auf die Herausforderungen hinzuweisen. Sie ist Präsidentin von scienceindustries – und in dieser Funktion beantwortet sie die Fragen von Allnews – und bekleidet zudem Schlüsselpositionen in der Wissenschaft und im Bankwesen:

Wie finden Sie einen roten Faden zwischen Ihren verschiedenen Funktionen, wenn es um die Prioritäten für die Schweiz geht?

Ich setze überall auf die gleichen Hebel: Stärkung der Innovation, Anwerbung von Talenten und Sicherung unserer internationalen Einbindung. Unsere Industrien generieren mehr als die Hälfte der Exporte des Landes – sie sind auf stabile und vorhersehbare Rahmenbedingungen angewiesen. Ich setze mich dafür ein, dass der Zugang zu den Märkten, die Energieversorgung und die Forschung verlässlich bleiben, damit Unternehmen mit Vertrauen in der Schweiz investieren können.

Kann die Schweiz in einer Welt, in der geopolitische Macht mehr Gewicht hat als Rechtsstaatlichkeit, weiterhin Innovationsführer bleiben?

Ja, aber nur, wenn wir proaktiv reagieren. Die US-Zölle haben gezeigt, wie schnell internationale Umwälzungen eintreten können. Wir müssen unsere Beziehungen zur EU stabilisieren, unsere Partnerschaften mit den USA stärken und eine stark vernetzte Forschung aufrechterhalten. Um an der Spitze zu bleiben, müssen wir am globalen Spiel teilnehmen – und nicht nur von der Seitenlinie aus zuschauen. 

Während viele Life Science-Konzerne verstärkt in Asien und den USA investieren, was braucht es, um den Schweizer Cluster zu stärken?

Es müssen Bedingungen geschaffen werden, die Anreize für Investitionen hier schaffen: ein zuverlässiger Zugang zum europäischen Markt, wettbewerbsfähige Energiepreise, schnelle Arbeitsgenehmigungen und eine Regulierung, die Innovationen fördert, anstatt sie zu bremsen. Wenn wir diese Faktoren angehen, bleibt die Schweiz trotz immer stärkerer Konkurrenz ein attraktiver Investitionsstandort.

Wird das Interesse an Innovationen in der Schweiz in Zukunft eher aus Asien oder aus anderen Regionen kommen?

Aus allen Regionen, aber aus unterschiedlichen Gründen. Europa setzt Standards und Vorschriften – wir müssen dort präsent bleiben. Die USA sind treibende Kraft in der biomedizinischen Forschung und eröffnen wichtige Märkte. Asien wächst schnell, aber für Hochtechnologien bleibt die Nähe zu exzellenten Hochschulen entscheidend. Wir müssen diese Netzwerke pflegen und ausbauen – Horizon spielt dabei eine entscheidende Rolle.

Die Life Sciences haben stark zum Wachstum der Schweiz beigetragen. Neigt sich dieser Zyklus nun dem Ende zu?

Nein, vorausgesetzt, wir handeln. Der neue Global Industrial Competitiveness Index (GICI) zeigt, dass wir auf den dritten Platz zurückgefallen sind. Das bedeutet nicht, dass wir an Qualität verlieren, sondern an Geschwindigkeit. Wir müssen den Zugang zu den Märkten sichern, die Forschung stärken und Talente halten. Wenn wir diese Grundlagen festigen, bleibt die Schweiz ein führender Standort; andernfalls werden sich die Investitionen schneller verlagern, als wir denken.

Warum sind die Bilateralen III für die Schweizer Life Sciences unverzichtbar?

Weil sie unseren Wirtschaftsstandort stabilisieren. Ohne das MRA – das Abkommen, das die gegenseitige Anerkennung technischer Vorschriften ermöglicht und Doppelkontrollen vermeidet – steigen die Kosten. Ohne die Personenfreizügigkeit verlieren Unternehmen Talente. Und die eingeschränkte Teilnahme an Horizon hat uns deutlich geschwächt. Mit den Bilateralen III gewinnen wir wieder Handlungsspielraum, Planungssicherheit und uneingeschränkte Vernetzung. Davon profitiert die gesamte Branche.

Gefährden diese neuen Abkommen die Souveränität, die Demokratie oder die Subsidiarität?

Nein. Im Gegenteil, wir gewinnen an Klarheit und Einfluss zurück. Heute übernehmen wir weitgehend europäische Regeln, ohne sie mitgestalten zu können. Mit den Bilateralen III erhalten wir definierte Prozesse, ein neutrales Schiedsgericht und mehr Rechtssicherheit. Das erhöht unsere Handlungsfähigkeit – nicht die der anderen. Braucht die Schweiz eine Standortpolitik oder lediglich einen liberalen Rahmen? Wir müssen aktiver werden. Ein liberaler Rahmen ist wichtig, reicht aber nicht mehr aus. Es geht nicht um eine staatliche Industriepolitik, sondern darum, wettbewerbsfähige Bedingungen zu schaffen: offene Märkte, starke Forschung , verfügbare Talente und Energiesicherheit. Um einen Wirtschaftsstandort zu erhalten, muss man ihn pflegen – nicht nur verwalten.

Welche Bedeutung hat das europäische Forschungsprogramm Horizon für die Schweiz?

Es ist von entscheidender Bedeutung. Die Einschränkungen der letzten Jahre haben unsere Innovationsfähigkeit deutlich geschwächt und den Nachwuchs verunsichert. Horizon verbindet uns mit den besten Forschungsgruppen Europas. Um Schritt zu halten, sichtbar und wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen wir uns voll und ganz daran beteiligen.

Welche Bedeutung haben die Energiekosten für die Life Sciences, insbesondere im internationalen Vergleich?

Sie sind entscheidend für Investitionen. Eine energieintensive Hightech-Industrie braucht verlässliche Preise und eine stabile Versorgung. Ein Stromabkommen reduziert Risiken, erhöht die Planbarkeit und verbessert unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit. Unternehmen investieren dort, wo die Energieversorgung sicher und planbar ist – und wir müssen dafür sorgen, dass die Schweiz dazu gehört.

Dieser Beitrag erschien zuerst am 9. Januar 2026 bei Allnews.ch.


Schliessen

Newsletter anmelden

scienceindustries News
Standpunkte
Point-Newsletter

 
 

Aussenhandelsstatistik Chemie Pharma Life Science

Weitere Analysen

Export Chemie Pharma Life Sciences Schweiz nach Regionen

Weitere Analysen