Dossiers - Beziehungen zur EU
Nein zur «Chaos»-Initiative
06.03.2026
Für einen starken Forschungs- und Industriestandort
Die Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» (auch als Kündigungs-, Nachhaltigkeits- oder Chaos-Initiative bezeichnet) verspricht auf den ersten Blick eine einfache Lösung für komplexe Herausforderungen rund um Zuwanderung, Infrastruktur und Bevölkerungswachstum. Bei genauer Betrachtung zeigt sich jedoch: Die Initiative würde zentrale Pfeiler des Schweizer Wohlstands gefährden. Für die exportorientierten und forschungsintensiven Branchen Chemie Pharma Life Sciences wären die Folgen besonders gravierend. scienceindustries lehnt die Initiative deshalb klar ab.
Starre Bevölkerungsobergrenzen schaffen Unsicherheit statt Lösungen
Die Initiative will die Bevölkerung der Schweiz bis 2050 auf maximal zehn Millionen Menschen begrenzen. Bereits bei einer Überschreitung von 9.5 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern müssten Bund und Parlament einschneidende Massnahmen ergreifen. Falls diese nicht innert zwei Jahren Wirkung zeigen, müsste die Schweiz die Personenfreizügigkeit mit der EU kündigen.
Eine solche starre, staatlich festgelegte Obergrenze würde die Schweiz in eine Phase permanenter Unsicherheit führen. Wirtschaft, Forschungseinrichtungen und öffentliche Institutionen wären gezwungen, langfristige Planungen unter politisch und wirtschaftlich instabilen Rahmenbedingungen zu treffen. Gerade in einer Zeit, in der technologische Innovation, globale Vernetzung und Fachkräfteverfügbarkeit entscheidende Wettbewerbsfaktoren sind, wäre dies ein massiver Standortnachteil.
Fachkräftemangel wird sich weiter verschärfen
Die demografische Entwicklung stellt die Schweiz vor grosse Herausforderungen. In den kommenden Jahren werden deutlich mehr Menschen pensioniert, als junge Arbeitskräfte nachrücken. Prognosen gehen davon aus, dass bis 2030 – je nach Entwicklung des inländischen Arbeitskräftepotenzials – rund eine halbe Million Arbeitskräfte fehlen könnten.
Die Industrien Chemie Pharma Life Sciences sind bereits heute stark auf internationale Fachkräfte angewiesen. In der Pharmaindustrie besitzen rund die Hälfte der Erwerbstätigen einen ausländischen Pass. Bei hochqualifizierten Fachkräften und Forschenden liegt der Anteil noch deutlich höher. Gleichzeitig sind in gewissen Regionen Grenzgänger ein zentraler Bestandteil der Wertschöpfung.
Ohne geregelte Zuwanderung würde sich der Fachkräftemangel massiv verschärfen. Dies hätte direkte Auswirkungen auf Innovation, Produktionssicherheit und Versorgung. Gleichzeitig würde die Finanzierung der Sozialwerke zusätzlich unter Druck geraten, da weniger Erwerbstätige für mehr Pensionierte aufkommen müssten.
Gefährdung des bilateralen Wegs und des Marktzugangs zur EU
Die Personenfreizügigkeit ist ein zentraler Bestandteil der bilateralen Beziehungen zwischen der Schweiz und der Europäischen Union. Ein Wegfall würde den Zugang zum europäischen Binnenmarkt erheblich erschweren und damit die Exportwirtschaft direkt treffen. Für eine stark international vernetzte Industrien wie Chemie Pharma Life Sciences wäre dies besonders problematisch.
Forschung, Produktion und Wertschöpfung in diesen Branchen sind eng mit europäischen Partnern verzahnt. Einschränkungen beim Marktzugang oder bei der Zusammenarbeit würden Investitionen bremsen, Innovationsprojekte gefährden und langfristig Arbeitsplätze in der Schweiz kosten.
Rückfall in ineffiziente und bürokratische Systeme
Eine Kündigung der Personenfreizügigkeit würde mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer Rückkehr zu Kontingentsystemen führen. Diese haben sich in der Vergangenheit als bürokratisch, teuer und ineffizient erwiesen. Sie erschweren eine bedarfsorientierte Rekrutierung und erhöhen den administrativen Aufwand für Unternehmen erheblich – ohne die Zuwanderung effektiv zu steuern.
Gerade für innovative Industrien, die schnell auf technologische Entwicklungen und Marktbedürfnisse reagieren müssen, wären solche Systeme ein erheblicher Wettbewerbsnachteil.
Die Initiative ignoriert die strukturellen Ursachen der Herausforderungen
Die Initiative versucht zwar, auf reale Sorgen in Teilen der Bevölkerung aufzubauen – etwa bezüglich Infrastruktur, Wohnraum oder Asylpolitik. Sie bietet jedoch keine nachhaltigen Lösungen für diese Herausforderungen. Statt gezielt dort anzusetzen, wo die grössten Belastungen entstehen, setzt sie auf eine starre Begrenzung, die neue Probleme schafft.
Eine nachhaltige Politik muss Produktivität, Infrastrukturplanung, Integration, Wohnraumentwicklung und Bildungssystem gemeinsam betrachten. Pauschale Obergrenzen tragen dazu nicht bei. Aus Sicht von scienceindustries braucht es gezielte, wirksame Massnahmen, die sowohl den Standort stärken als auch die Sorgen der Bevölkerung ernst nehmen.
Dazu gehören insbesondere:
- Stärkung der inländischen Fachkräftebasis, insbesondere durch Förderung von MINT-Ausbildungen und der Berufsbildung in naturwissenschaftlich-technischen Berufen, Weiterentwicklung der höheren Berufsbildung und Stärkung von Weiterqualifizierung und Quereinstieg sowie bessere Nutzung des Potentials von Arbeitnehmenden 55+;
- Sicherstellung der Personenfreizügigkeit mit der EU als zentrales Instrument für eine bedarfsgerechte Rekrutierung von Fachkräften;
- bessere Nutzung des Potenzials von Drittstaaten-Fachkräften, etwa durch erleichterten Arbeitsmarktzugang für hochqualifizierte Absolventinnen und Absolventen Schweizer Hochschulen;
- gezielte Massnahmen in den Bereichen Infrastruktur, Wohnen und Asylpolitik, um konkrete Belastungen wirksam zu reduzieren.
Ein klares Nein im Interesse von Wohlstand und Stabilität
Die «Keine 10-Millionen-Schweiz»-Initiative würde zentrale Erfolgsfaktoren der Schweiz gefährden: den Zugang zu Fachkräften, die internationale Vernetzung von Forschung und Industrie sowie stabile wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Sie löst keine strukturellen Probleme, sondern schafft neue Risiken für Wohlstand, Versorgungssicherheit und gesellschaftliche Stabilität.
Für scienceindustries ist deshalb klar: Die Initiative ist der falsche Weg. Die Schweiz braucht eine zukunftsgerichtete Politik, die Innovation fördert, Fachkräfte sichert und den Standort langfristig stärkt – nicht starre Grenzen, die Wachstum, Forschung und Wettbewerbsfähigkeit gefährden.