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"Wettbewerbsfähigkeit ist kein Naturzustand"

Publikationen - Jahresberichte

"Wettbewerbsfähigkeit ist kein Naturzustand"

13.04.2026

Geopolitische Verschiebungen, steigender internationaler Wettbewerbsdruck und wachsende regulatorische Anforderungen prägen den Standort Schweiz zunehmend. Im Gespräch ordnen Dr. Annette Luther und Dr. Stephan Mumenthaler die Entwicklungen ein und zeigen auf, warum Planungssicherheit, Innovationskraft und internationale Vernetzung entscheidend für den Erfolg der Chemie-, Pharma- und Life Sciences-Industrien bleiben.

Interview: Nadine Lumme, Foto: Alex Colle

2025 in einem Wort – welches passt?

Annette Luther: Entscheidend. 2025 war kein Jahr der Krise, aber ein Jahr, in dem deutlich wurde, dass sich zentrale Fragen nicht länger aufschieben lassen. Viele Entwicklungen, die sich zuvor abgezeichnet hatten, sind zusammengekommen – und haben den Handlungsdruck erhöht.

Stephan Mumenthaler: Herausfordernd, würde ich ergänzen. Nicht, weil der Standort Schweiz an Substanz verloren hätte, sondern weil andere Länder an Geschwindigkeit zugelegt haben. Das relativiert die eigene Position.

Was hat sich für den Wirtschaftsstandort Schweiz konkret verändert?

Annette Luther: Der Rahmen, in dem Standortpolitik stattfindet. Fragen zu Handel, Forschung, Energie oder Fachkräften werden heute stärker geopolitisch geprägt. Entscheidungen ausserhalb der Schweiz wirken viel direkter auf unsere Unternehmen als noch vor wenigen Jahren. Für ein offenes, exportorientiertes Land verändert das die Ausgangslage grundlegend.

Stephan Mumenthaler: Hinzu kommt, dass Standortpolitik politischer geworden ist. Viele Länder setzen gezielt industriepolitische Instrumente ein. Die Schweiz bleibt bewusst liberal, das ist eine Stärke. Aber sie muss dieses Modell aktiv pflegen und weiterentwickeln.

Wo war dieser Druck 2025 besonders spürbar?

Stephan Mumenthaler: Vor allem beim Tempo. Andere Standorte beschleunigen Bewilligungsverfahren, investieren strategisch und setzen klare Signale. Die Schweiz ist weiterhin sehr attraktiv, verliert aber dort an relativer Stärke, wo Prozesse zu komplex oder zu langsam sind. Ich denke hier beispielsweise an Digitalisierung.

Annette Luther: Das zeigt sich sowohl in einzelnen Dossiers, aber besonders in der Summe der Entwicklungen. Gerade für forschungsintensive Industrien zählt Planungssicherheit und die entsteht nur, wenn Entscheide rechtzeitig fallen.

«Stabile Abkommen schaffen Mitsprache, Klarheit und Verlässlichkeit – und stärken damit die Handlungsfähigkeit der Schweiz.»

Dr. Annette Luther

Der Global Industry Competitiveness Index (GICI) 2025, von BAK Economics für scienceindustries erstellt, zeigt erstmals einen Rückfall der Schweiz. Wie ist das einzuordnen?

Stephan Mumenthaler: Als Warnsignal, das ernst genommen werden sollte. Der Index zeigt klar: Infrastruktur, Stabilität und Fachkräftebasis sind weiterhin exzellent. Gleichzeitig verliert die Schweiz bei Innovationstempo, Digitalisierung und regulatorischer Agilität an Dynamik.

Annette Luther: Der GICI ist kein Abgesang, sondern ein Weckruf. Er macht sichtbar, dass Wettbewerbsfähigkeit kein Naturzustand ist. Wer an der Spitze bleiben will, muss sich kontinuierlich weiterentwickeln.

Welche Rolle spielen die Beziehungen zur EU in diesem Kontext?

Annette Luther: Eine zentrale. Die Beziehungen zur EU sind ein entscheidender Standortfaktor. Die EU ist und bleibt der wichtigste Markt für die Schweiz. Gleichzeitig geht es um den Zugang zu Fachkräften und die Zusammenarbeit in Forschung und Innovation – also genau jene Elemente, die das Life Sciences-Ökosystem tragen.

Stephan Mumenthaler: Gerade für unsere Industrien ist Berechenbarkeit entscheidend. Stabile Beziehungen schaffen Planungssicherheit für Investitionen in Forschung, Produktion und Arbeitsplätze.

Kritisch wird oft eingewendet, stärkere Einbindung bedeute weniger Eigenständigkeit.

Annette Luther: Diese Sorge ist verständlich, greift aber zu kurz. Heute werden viele Regeln faktisch übernommen, ohne diese mitzugestalten. Stabile Abkommen schaffen Mitsprache, Klarheit und Verlässlichkeit. Das stärkt die Handlungsfähigkeit der Schweiz, nicht umgekehrt.

Welche Themen prägten die Arbeit von scienceindustries im Jahr 2025 besonders?

Stephan Mumenthaler: 2025 war geprägt von einer hohen thematischen Dichte. Die US-Zollpolitik hat natürlich alles dominiert. Standort- und Wettbewerbsfragen, EU-Dossiers, Energie, Regulierung sowie Gesundheits- und Umweltpolitik liefen parallel. Da war viel Einordnungsarbeit gefragt – für Politik, Mitglieder und Öffentlichkeit.

Annette Luther: Der Anspruch war – und bleibt – Orientierung zu geben und den Dialog konstruktiv zu führen. Gerade in emotional geführten Debatten ist eine faktenbasierte Perspektive wichtig.

Wo war der Verband besonders gefordert?

Stephan Mumenthaler: Ein besonderer Fokus lag 2025 auf der Medienarbeit. Gerade dort, wo komplexe Zusammenhänge erklärt werden mussten, zeigte sich die Rolle von scienceindustries als einordnende Stimme: Viele Dossiers greifen ineinander, betreffen mehrere Politikfelder und erfordern eine Gesamtsicht – einschliesslich der Benennung möglicher Zielkonflikte.

Annette Luther: scienceindustries versteht sich hier als Brückenbauer – zwischen Industrie, Politik und Gesellschaft. Und ich habe im Rahmen zahlreicher Austausche, sei es an Parteispitzengesprächen oder an unserem «Weihnachtsessen der Exportindustrie», gemeinsam mit Swissmem, gemerkt: Wenn wir hinstehen und unsere Anliegen erklären, hört man uns zu.

Neben Politik und Regulierung: Welche Themen waren 2025 besonders wichtig?

Annette Luther: Bildung und Fachkräfte. Ohne Talente gibt es keine Innovation. Mit Initiativen wie Talents in Science oder unserer Stiftung SimplyScience investieren wir gezielt in den Nachwuchs und damit in die langfristige Wettbewerbsfähigkeit des Standorts.

«Die Schweiz ist weiterhin sehr attraktiv, verliert aber dort an relativer Stärke, wo Prozesse zu komplex oder zu langsam sind.»

Dr. Stephan Mumenthaler

Der Blick nach vorne: 2026 wird ein Jahr der Entscheidungen. Worauf kommt es an?

Stephan Mumenthaler: Auf Klarheit und Geschwindigkeit. Verlässliche Rahmenbedingungen, weniger unnötige Komplexität und effizientere Verfahren sind zentral, um Investitionen und Innovationen im Land zu halten.

Annette Luther: Und auf Mut. Die Schweiz muss ihr eigenes Modell stärken: offen, innovationsfreundlich und international eingebettet. Nicht durch Kopieren anderer Modelle, sondern durch konsequente Umsetzung der eigenen Stärken.

 

Dr. Annette Luther ist seit 2025 Präsidentin von scienceindustries. Zudem ist sie Head External Affairs Switzerland beim Roche-Konzern. Zuvor war sie unter anderem in leitenden Funktionen in Government Relations, Kommunikation und im Management bei Roche tätig. Sie promovierte in Biomedizin an der Universität Basel und engagiert sich in verschiedenen Verwaltungs- und Stiftungsräten.

Dr. Stephan Mumenthaler ist seit 2018 Direktor von scienceindustries und verantwortet die strategische und operative Führung des Verbands. Zuvor war er unter anderem in leitenden Public Affairs-Funktionen bei Novartis sowie in Verwaltung, Beratung und Industrie tätig. Er promovierte in Aussenwirtschaft an der Universität Basel.

Dieses Interview ist Teil des Jahresberichts 2025 von scienceindustries. 


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