Dossiers - Klima- und Energiepolitik
Swiss Green Economy Symposium 2026: Was die Schweiz resilient macht
10.09.2026
Resilienz entsteht nicht durch einen einzelnen Hebel. Sie wächst dort, wo Forschung den Weg in die Produktion findet, Regulierung Zielkonflikte ernst nimmt und Unternehmen ihre natürlichen Grundlagen sichern. Am Swiss Green Economy Symposium und dem Biodiversitätskongress 2026 in Winterthur zeigte scienceindustries gemeinsam mit zahlreichen Mitgliedsunternehmen, wie das konkret gelingt.
Über Versorgungssicherheit wird vor der Krise entschieden
Wenn ein Wirkstoff fehlt oder eine Lieferkette reisst, ist es für Vorsorge zu spät. Stephan Mumenthaler, Direktor von scienceindustries, verfolgte deshalb den Weg vom Forschungslabor bis zur Versorgung: Forschung und Entwicklung schaffen neue Lösungen, Rohstoffe und Vorprodukte ermöglichen ihre Herstellung, Produktionsanlagen bringen sie in den industriellen Massstab und die Logistik sorgt dafür, dass sie ihr Ziel erreichen.
Die Chemie, Pharma und Life Sciences Industrien bilden einen zentralen Teil dieses Systems. Sie stehen für 52 Prozent der Schweizer Exporte, mehr als ein Drittel der privaten Forschungsinvestitionen und über 80’000 Arbeitsplätze. Gleichzeitig gelangen 98 Prozent ihrer Produkte auf internationale Märkte. Auch Rohstoffe, Vorprodukte, Wissen und Technologien kommen aus aller Welt.
Offenheit macht die Schweiz deshalb nicht automatisch verletzlich. Richtig gestaltet, macht sie den Standort widerstandsfähiger.
«Die Schweiz muss nicht alles selbst herstellen. Sie muss ihre Bezugsquellen diversifizieren und eigene Forschungs- und Produktionsfähigkeiten erhalten.»
Eine pauschale Rückverlagerung globaler Wertschöpfung löst das Problem nicht. Berechnungen der OECD zeigen: Eine umfassende Relokalisierung könnte den Welthandel um mehr als 18 Prozent und das globale reale BIP um über 5 Prozent reduzieren – ohne die Lieferketten stabiler zu machen.
Die Schweiz muss daher an den richtigen Stellschrauben drehen: Märkte offenhalten, das Freihandelsnetz ausbauen, die Beziehungen zur EU stabilisieren, geistiges Eigentum schützen und Zulassungen beschleunigen. Ebenso wichtig sind qualifizierte Fachkräfte, eine sichere und wettbewerbsfähige Energieversorgung sowie klare, international kompatible Regeln. So entstehen die Forschungs- und Produktionskapazitäten, die im Krisenfall tatsächlich tragen.
Nicht jeder Ersatz ist ein Fortschritt
Wie schnell einfache Forderungen an komplexen Anwendungen scheitern, zeigte Dominique Werner in der Diskussion zu PFAS. Ihre aussergewöhnliche Beständigkeit ist Fluch und Segen zugleich: Sie macht die Stoffe für anspruchsvolle Anwendungen wertvoll und teils nur schwer ersetzbar – etwa in der Medizintechnik, der Energieversorgung oder industriellen Produktionsprozessen. Gelangen PFAS jedoch in die Umwelt, wird genau diese Beständigkeit zum Problem: Sie bauen sich kaum ab und können Mensch und Umwelt langfristig belasten.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: Können wir einen Stoff ersetzen? Sondern auch: Was tritt an seine Stelle – und ist die Alternative in der Gesamtbetrachtung wirklich besser?
Wo geeignete Lösungen existieren, sollten Unternehmen sie einsetzen und weiterentwickeln. Wo sie fehlen, müssen Forschung und Innovation neue Wege öffnen. Gleichzeitig gilt es, Emissionen konsequent zu reduzieren und die unterschiedlichen Anwendungen und Risiken präzise zu bewerten. Eine risikobasierte Regulierung mit Augenmass schafft dafür den nötigen Raum. Pauschale Vorgaben drohen dagegen, problematische Stoffe lediglich durch technisch ungeeignete oder ökologisch nicht bessere Alternativen zu ersetzen.
Biodiversität gehört in die Unternehmensstrategie
Anna Bozzi, Leiterin Umwelt und Nachhaltigkeit bei scienceindustries, rückte einen weiteren Produktionsfaktor ins Zentrum, der in klassischen Bilanzen kaum erscheint: die Biodiversität.
«Biodiversität ist nicht nur etwas, das Unternehmen schützen müssen – Biodiversität ist etwas, das Unternehmen brauchen.»
Intakte Ökosysteme sichern Rohstoffe, Wasser und biologische Ressourcen. Sie stabilisieren Produktionsgrundlagen und Lieferketten. Gleichzeitig liefern genetische Ressourcen, Mikroorganismen und natürliche Prozesse die Grundlage für neue Wirkstoffe, Materialien und Verfahren.
Werden diese Grundlagen knapper, steigen die Risiken: Wasser- und Rohstoffmangel können die Produktion beeinträchtigen, extreme Ereignisse Lieferketten unterbrechen und neue Anforderungen die regulatorische Komplexität erhöhen. Wer Biodiversität dagegen strategisch einbindet, erschliesst Chancen – von industrieller Biotechnologie und von der Natur inspirierten Innovationen (Biomimikry) über ressourceneffiziente Prozesse bis zu neuen Märkten und Geschäftsmodellen.
Der Weg dorthin lässt sich auf drei aktive Schritte verdichten: verstehen, verankern, skalieren. Zunächst erfassen Unternehmen ihre Abhängigkeiten und Auswirkungen und identifizieren relevante Standorte, Rohstoffe und Lieferketten. Danach integrieren sie Biodiversität in Strategie, Risikomanagement sowie Investitions-, Beschaffungs- und Entwicklungsentscheidungen. Schliesslich setzen sie priorisierte Massnahmen um, messen ihre Wirkung und übertragen erfolgreiche Ansätze auf weitere Bereiche.
Damit das gelingt, benötigen Unternehmen wenige, robuste und international anerkannte Indikatoren statt zusätzlicher Komplexität. Politik und Wirtschaft müssen Zielkonflikte zwischen Biodiversität, Klima, Energie, Landnutzung und Versorgungssicherheit gemeinsam lösen. Technologieoffene Regeln und praxistaugliche Instrumente helfen dabei, besonders auch kleinen und mittleren Unternehmen.
Resilienz entsteht im Zusammenspiel
Lieferketten lassen sich nicht allein durch Lager füllen. PFAS verschwinden nicht durch pauschale Verbote. Und Biodiversität schützt sich nicht durch Berichte. Fortschritt entsteht, wenn Forschung, Unternehmen und Politik die Zusammenhänge verstehen und daraus wirksame Lösungen entwickeln.
Genau darin liegt die gemeinsame Botschaft der drei Beiträge: Eine starke Industrie, ein wettbewerbsfähiger Standort und ambitionierte Nachhaltigkeitsziele schliessen sich nicht aus. Richtig verbunden, stärken sie einander.
Impressionen