Dossiers - Zollpolitik und Freihandel
Mercosur: Ein Nein zur falschen Zeit
25.06.2026
Die Schweiz verdient ihren Wohlstand auf internationalen Märkten. Umso irritierender ist der Entscheid des Nationalrates vom 17. Juni 2026, das Freihandelsabkommen zwischen den EFTA-Staaten und dem Mercosur mit Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay abzulehnen. Während die EU ihre Unternehmen bereits besserstellt, lässt die Schweiz eine Chance liegen und Zeit verstreichen, die sie sich eigentlich nicht leisten kann.
Ein Widerspruch mit Ansage
Mehr als die Hälfte der Schweizer Warenexporte stammt aus den Industrien Chemie, Pharma und Life Sciences.
Das gesamte Produktivitätswachstum der Schweiz zwischen 2013 und 2023 geht auf das Konto dieser Branche.
80'000 Menschen arbeiten direkt in den Unternehmen der Chemie-, Pharma- und Life Sciences-Industrie. Weitere rund 285'000 Arbeitsplätze hängen in anderen Branchen direkt oder indirekt von ihr ab. Diese Zahlen beschreiben keine Nische. Sie beschreiben einen wesentlichen Teil des Schweizer Wohlstands. Und sie stehen für Industrien, die auf attraktive Rahmenbedingungen und einen gesicherten Zugang zu internationalen Märkten angewiesen sind, um ihren Beitrag zum Wohlstand weiterhin leisten zu können. Der Standort Schweiz kommt unter Druck, die Attraktivität ist nicht mehr selbstverständlich.
Umso erstaunlicher ist es, dass der Nationalrat ausgerechnet jetzt ein Freihandelsabkommen ablehnt, das – auch für diese Industrien – den Zugang zu einem Markt mit rund 270 Millionen Menschen verbessert hätte.
Der globale Wettbewerb um Investitionen, Talente und neue Technologien wird härter. Viele Länder sichern ihren Unternehmen neue Absatzmärkte. Gemäss Mehrheit des Nationalrates soll die Schweiz darauf verzichten.
Die Konkurrenz wartet nicht
Die EFTA-Staaten und die Mercosur-Länder haben ihre Verhandlungen bereits 2025 abgeschlossen. Das Abkommen ist unterschrieben. Die Europäische Union hat inzwischen ebenfalls gehandelt. Seit Mai 2026 wendet sie ihr eigenes Mercosur-Abkommen provisorisch an.
Schweizer Unternehmen treten damit auf denselben Märkten gegen europäische Konkurrenten an, die bessere Bedingungen vorfinden. Das bleibt nicht ohne Folgen. Wer exportiert, spürt solche Unterschiede bei Preisen, Ausschreibungen, Investitionen und Marktanteilen. Jeder weitere Monat zögern in der Schweiz verschafft der Konkurrenz einen Vorsprung.
Kein Randmarkt
Der Mercosur wird in der politischen Debatte oft behandelt, als gehe es um eine entfernte Region mit begrenzter wirtschaftlicher Bedeutung. Die Zahlen sprechen eine andere Sprache: Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay bilden zusammen einen Markt mit rund 270 Millionen Menschen. 2025 exportierten die Mitgliedsunternehmen von scienceindustries Waren im Wert von 3,16 Milliarden Franken in diese vier Länder. Brasilien war der zwölftwichtigste Exportmarkt unserer Branchen, Argentinien der 26. Unter allen Handelspartnern ohne Freihandelsabkommen steht der Mercosur bereits heute auf Platz zwei. Von einem Randmarkt kann absolut keine Rede sein.
Freihandel schafft Spielraum
Freihandelsabkommen sichern Marktzugang. Sie stärken den Schutz geistigen Eigentums. Sie schaffen mehr Rechtssicherheit für Investitionen.
Für die Industrien Chemie, Pharma und Life Sciences geht es auch um etwas sehr Konkretes: Zölle. Die Mercosur-Staaten erheben auf entsprechende Produkte je nach Mitgliedstaat und Produktkategorie Zölle von bis zu 35 Prozent. Das Abkommen würde für Produkte von Chemie-, Pharma- und Life-Sciences-Unternehmen Zollbefreiungen von rund 50 Millionen Franken ermöglichen.
Das stärkt die Wettbewerbsfähigkeit von Schweizer Unternehmen in einem wichtigen Markt und kommt gleichzeitig Kundinnen und Kunden sowie weiteren Abnehmerinnen und Abnehmern in den Mercosur-Staaten zugute. Solche Rahmenbedingungen sind auch ein Puzzleteil für die künftige Attraktivität des Standorts Schweiz.
Nachhaltigkeit braucht Wirkung
Die Kritik am Abkommen konzentriert sich vor allem auf Umwelt- und Nachhaltigkeitsfragen. Diese Anliegen verdienen eine ernsthafte Diskussion. Die schweizerische chemisch-pharmazeutische Industrie bekennt sich zur nachhaltigen Entwicklung in ihren drei Dimensionen: ökonomisch, ökologisch und sozial. Ein möglichst freier Handelsaustausch zwischen Ländern leistet hierzu einen wichtigen Beitrag, indem er Wohlstand schafft, Innovation fördert und Entwicklungsperspektiven eröffnet. Allfällige Defizite können im Rahmen des Gemischten Ausschusses der Freihandelspartner angesprochen und lösungsorientiert bearbeitet werden, unter anderem durch den Austausch bewährter Praktiken.
Freihandelsabkommen müssen Handel erleichtern und dürfen nicht durch zusätzliche Compliance-Auflagen faktisch entwertet werden. Wer Abkommen mit immer neuen Bedingungen überlädt, riskiert, dass sie von Unternehmen gar nicht mehr genutzt werden – insbesondere von KMU. Ebenso dürfen Freihandelsabkommen nicht zu Vehikeln für extraterritoriale Rechtsanwendungen mit neokolonialem Beigeschmack werden. Gerade kleinere Produzenten in den Herkunftsländern würden dadurch nicht gestärkt, sondern vom Markt verdrängt, weil ihnen die finanziellen und technischen Ressourcen zur Erfüllung überbordender Vorgaben fehlen. Der Mercosur verschwindet nicht, wenn die Schweiz das Abkommen ablehnt. Der Handel ebenfalls nicht. Die EU wendet ihr Abkommen bereits an, andere Staaten bauen ihre Wirtschaftsbeziehungen aus. Wer Einfluss nehmen will, braucht einen Platz am Tisch.
Abwarten ist keine Strategie
Die EU hat entschieden. Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay haben entschieden. Nur die Schweiz diskutiert noch. Der Mercosur wartet nicht auf die Schweiz. Die Weltwirtschaft ebenfalls nicht. Der Ständerat hat nun die Möglichkeit, den Weg für das Abkommen freizumachen. Denn die Schweiz kann ihre Unternehmen entweder auf Wachstumsmärkten mitspielen lassen oder zusehen, wie andere die Chancen nutzen.